Tabuthema rund ums stottern

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warsteiner
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Tabuthema rund ums stottern

Beitrag von warsteiner » 12. März 2016 17:11

Hallo.

Meine Erfahrungen mit anderen Stotterern sind sehr umfassend und reichen bereits über 30 Jahre zurück. Eines hat sich dabei herauskristallisiert. Ausnahmslos JEDER macht um das Thema Psyche einen großen Bogen. Das ist mit Abstand das größte Vermeidungsverhalten in der Stottererszene. :mrgreen: Was merkwürdig ist, sind Stotterer doch selbst bemüht, durch Öffentlichkeitsarbeit auf sich aufmerksam zu machen und um für Verständnis in der nichtstotternden Bevölkerung zu werben. §gruebel Aber Verständnis für Stotterer aufbringen, die es nicht geschafft haben, die sich mit sozialen Ängsten rumplagen........blooooß nicht. :wink:

Ich würde mich gerne mal mit jemanden aus meiner Liga austauschen. Vorschläge und erste Kontaktaufnahme auch gerne per pn.

Gruß, warsteiner

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Re: Tabuthema rund ums stottern

Beitrag von Torsten » 13. März 2016 09:20

Hallo warsteiner,

erst einmal willkommen hier im Forum! Ich hab eigentlich nicht den Eindruck, dass das Thema soziale Ängste in der Stotter-Szene tabuisiert ist. Unsere SHG in Magdeburg hat gute Kontakte zur SHG der Sozialphobiker; wir machen gemeinsam Projekte, und das hat seinen Grund natürlich darin, dass Stotternde häufig auch soziale Ängste haben.

Gruß, Torsten
www.stottertheorie.de

warsteiner
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Re: Tabuthema rund ums stottern

Beitrag von warsteiner » 13. März 2016 13:23

Hallo Torsten und danke für deine Antwort.
Torsten hat geschrieben: Unsere SHG in Magdeburg hat gute Kontakte zur SHG der Sozialphobiker
Das freut mich sehr und macht Hoffnung auf mehr, bzw darauf, dass ich eines Tages vielleicht doch noch auf einen stotternden Sozialphobiker treffe, um mal mit jemanden auf Augenhöhe zu sprechen.

Gruß, warsteiner

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Re: Tabuthema rund ums stottern

Beitrag von PetraS » 14. März 2016 19:35

Hallo Warsteiner,
auch von mir ein herzliches Willkommen im Forum der BVSS.
Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht wirklich, was du mit deinem Beitrag sagen willst.

Meinst du, dass psychische Probleme einfach ausgeblendet werden?
Denn das werden sie auch bei uns nicht, im Gegenteil, sie sind immer dann Gegenstand auch von Gruppenabenden, wenn die Leute diese thematisieren wollen, und was ich von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in der Selbsthilfe weiß, ist, dass alle, ausnahmslos alle immer zuhören und Anteil nehmen.

Oder meinst du, dass psychische Probleme - wie soziale Phobien - ständig von den Leuten bearbeitet werden, d.h. dass man versucht auf die Leute einzuwirken, da rauszukommen? Und dass genau dies von der Person vielleicht nicht gewollt ist...?
Aber wenn ich doch in eine Selbsthilfegruppe gehe, dann steht doch die Hilfe im Vordergrund, und wenn dann soziale Phobien Gegenstand der Hilfesuche sind, dann ist es doch nur natürlich, dass die Leute darauf einwirken, weil sie einen positiven Einfluss auf die Person nehmen wollen.

Ich begreife nicht, was du mit deinem Beitrag sagen wolltest. Kannst du dies noch mal genauer schildern? Mich würde es besonders deshalb interessieren, weil bei uns in der Gruppe eine Frau mit großen sozialen Ängsten ist, die sich dadurch an ihrem Fortkommen selbst im Weg steht. Ich weiß nicht, wie ich richtig mit ihr umgehen soll, weil ich einerseits sehe, dass sie ihr gesamten Potential wegwirft, andererseits nicht weiß, wie weit ich auf sie zutreten darf, ohne ihr zu nahe zu treten.
Für eine Antwort wäre ich dankbar.
Gruß
Petra

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Re: Tabuthema rund ums stottern

Beitrag von Eberhard » 14. März 2016 21:40

Also, da hat Warsteiner schon Recht, die Angst, Stottern könne was mit Psyche zu tun haben, ist unter Stotternden weit verbreitet, zumal auch hier im Forum. Meine Hinweise auf solche Zusammenhänge sind von wenigen Ausnahmen abgesehen auf Distanzierung oder heftige Ablehnung gestoßen. Da ist manchen die Vorstellung lieber, Stottern wäre ein Gendefekt. Das beruhigt, weil man dann glauben kann, nichts dagegen machen zu können.

Nun, wir befinden uns zu jedem Zeitpunkt in einer psychisch verursachten Stimmung. Es ist unmöglich, keine Stimmung zu haben. Auch beim Stottern haben wir eine bestimmte Stimmung, die dann das Stottern fördert. Wenn ihr das nicht glaubt, mache ich euch eine lange Liste von Aussagen von Forumsteilnehmern, die das belegt.

Das Geheimnis liegt nun darin, wie gehe ich mit meinen Stimmungen um. Lasse ich mich von ihnen überwältigen, treiben, dominieren, herunter- oder heraufziehen, je nach dem, oder versetze ich mich in die Lage, meine Stimmungen erst mal überhaupt wahrzunehmen und dann zu regulieren. Das gelingt nicht sofort, es will geübt werden, bis diese innere Haltung sich durchsetzt.

Darin liegt dann auch der Schlüssel zum Nicht-mehr-stottern. Wenn ich meine psychisch verursachten Stimmungen wahrnehmend steuern kann und nicht mehr ihr Opfer bin, kann ich auch so sprechen wie ich will und muss mich nicht mehr zum Stottern zwingen lassen.

Soziale Ängste sind eben auch nur negative Stimmungen. Und Lebenskunst besteht darin, sich von seinen Stimmungen nicht unterwerfen zu lassen, sondern sich von ihrer Zwanghaftigkeit zu befreien.

Das ist nicht einfach, aber machbar. Nur Mut!

Eberhard
Nichts ist wirkmächtiger als das Selbstbild, mit dem einer durch die Welt läuft. Noch dazu, wenn er es für seine wahre Natur hält.

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Re: Tabuthema rund ums stottern

Beitrag von Eberhard » 14. März 2016 23:38

Ich muss noch was ergänzen. Natürlich gibt es auch eine Gestimmtheit, der man sich gerne hingibt. Das ist, wenn man zufrieden, gelassen, ausgeglichen, mit sich und der Welt eins ist. Kommt nicht so oft vor. Aber auch dann gilt es, das bewusst wahrzunehmen. Etwas genießen, das ist ein Akt der bewussten Wahrnehmung.

Am Anfang ist es schwierig, sich der Zwanghaftigkeit seiner Stimmungen zu entziehen. Man glaubt, eine überwunden zu haben und schon hat einen die nächste wieder im Griff. Man entzieht sich einer Stimmung, indem man sich einer anderen unterordnet. Am Anfang ist es schwierig, sich da herauszuwinden. Aber es ist alles eine Frage von achtsamer Wahrnehmung und einem entschlossenen Umgang mit sich selbst.

Ich habe neulich einem 12-jährigen Mädchen auf den Weg gegeben, dass es für ein gelingendes Leben wichtig ist, auch zu sich selbst mal Nein sagen zu können. Das geht auch mit negativen, deprimierenden, kleinmütigen, verunsicherten Stimmungen. Zu sich selbst sagen: Nein, ich will mich jetzt nicht so fühlen. Das ist ein Sich-selbst-erheben über das, was einen beherrschen will.

Eberhard
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Re: Tabuthema rund ums stottern

Beitrag von warsteiner » 15. März 2016 12:29

Petra, meine Erfahrungen reichen, wie oben schon geschrieben, einige Jahrzehnte zurück. Ich habe nette und verständnisvolle Stotterer kennengelernt aber auch Hardliner. Die Letzten überwiegen leider bei weitem. In einem Psychoforum griff mich mal einer an. Nach meinem erklärenden Posting war dann die Sache geklärt. Es sind in der Regel Stotterer, die es trotz Widrigkeiten geschafft haben, sich sozial und berulich was aufzubauen. Sprachtherapien waren für mich leider der falsche Weg. Während der Sitzungen sprach ich Fehlerfrei, zur großen Verwunderung anderer Stotterer in Gruppentherapien, doch "draußen" konnte ich dem Busfahrer noch nicht mal meinen Zielort nennen, so sehr schlotterten mir die Knie vor Angst. Ich war beim Prüß, beim Greifenhofer und anderen. Das reicht mir an erfolglosen Therapien. Psychotherapien kamen zu spät. Der Zug ist also abgefahren.
Eberhard hat geschrieben: Soziale Ängste sind eben auch nur negative Stimmungen. Und Lebenskunst besteht darin, sich von seinen Stimmungen nicht unterwerfen zu lassen, sondern sich von ihrer Zwanghaftigkeit zu befreien. Das ist nicht einfach, aber machbar. Nur Mut! Eberhard
Es wird dich und andere nicht verwundern, dass ich das natürlich ganz anders sehe. :wink: Hohn und Spott hatte ich genug und solange erwachsene Menschen immer noch über Auffälligkeiten und Behinderungen spötteln, werde ich mich von sozialen Ängsten nie befreien können.

Ängste? Klar, die kennt ihr natürlich auch, doch sie bestimmen euer Leben nicht. Ich würde gerne daran glauben, dass es da draußen noch andere stotterende Sozialphobiker gibt. Doch schon allein wegen der Sozialphobie führen sie eher ein Leben im Verborgenen. Mit meiner Anfrage hier im Forum wollte ich die Wahrscheinlichkeit, Stotterer mit ähnlichen Begleiterscheinungen kennenzulernen, erhöhen.

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Re: Tabuthema rund ums stottern

Beitrag von PetraS » 15. März 2016 12:54

Hallo Eberhard,
ich möchte nur darauf hinweisen, dass dein Beitrag mal wieder absolut off-topic ist, und ich danke es Warsteiner, dass er es mit einem einzigen Satz klargestellt hat:
warsteiner, Unterstreichung durch mich: hat geschrieben:Mit meiner Anfrage hier im Forum wollte ich die Wahrscheinlichkeit, Stotterer mit ähnlichen Begleiterscheinungen kennenzulernen, erhöhen.
Wenn du weiterhin behauptest, dass Stottern psychische Ursachen hat, wirst du auch weiterhin immer wieder Paroli geboten bekommen. Die psychischen Folgen des Stotterns können vielseitig und hartnäckig sein, sie sind aber immer noch die Folgen und nicht die Ursache. Genauer gesagt handelt es sich um einen Teufelskreis, weil das eine das Andere antriggert. Aber selbst wenn du die psychischen Belastungen abbaust, dich vollkommen desensibilisierst, ist dadurch das Kernstottern nicht weg!

@Warsteiner: wann hast du denn die genannten Therapien gemacht? Ich glaube, dass heute viel mehr auf die Ängste und psychischen Folgen des Stotterns eingegangen wird als noch vor 30 Jahren. Damals wurde Stotterern auch noch eingeredet, sie hätten eine falsche Sprechweise erlernt und könnten die durch gezieltes Üben überschreiben. Heute weiß man, dass das Schwachsinn war und meistens aus der Feder von Nicht-Stotterern, die eine abenteuerliche Vorstellung vom Stottern hatten, entsprang. Generationen von Stotterern mussten sich so einen (mit Verlaub) Bullshit anhören.

Ich bin - von dir aus betrachtet - leider eine von den Leuten, die sich irgendwann gesagt haben: "Scheiß die Wand an, und wenn ich stottere, geht davon die Welt nicht unter."
Und genau deshalb würde es mich interessieren, wie ich z.B. mit der jungen Frau in unserer Gruppe umgehen soll. Soll ich zusehen, wie sie in einer Depression versinkt oder soll ich versuchen, ihr ein Vorbild zu sein, damit sie sich vielleicht mit Mäuseschritten aus ihrer eingeengten Welt herausbegibt?

Sie ist jung, sie hat ihr Leben noch vor sich, sie hat Talente und eine Symptomatik, die bei fast Null liegt. Aber allein die hypothetische Angst, sie könnte hängen bleiben, führt bei ihr dazu, dass sie lieber nichts sagt und sich von kommunikativen Situationen fernhält. Es ist auch nicht, dass sie nicht zugeben würde zu stottern, aber genau da liegt das Dilemma, denn ihre Mitmenschen stellen es in Abrede und reden ihr immer wieder zu, sie stottere doch gar nicht. Sie steckt in einer völlig verfahrenen Situation.
Für einen Rat aus der Sicht eines Menschen, der vielleicht ähnlich tickt, wäre ich sehr dankbar.
Gruß
Petra

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Re: Tabuthema rund ums stottern

Beitrag von T_homas » 15. März 2016 13:58

Gruß.:-)

Ich hab zum Beispiel eine Soziale Phobie,die mich auch stark einschränkt.
Nur so viel,Rente kriege ich mal keine,dürfte schon alles sagen.
Therapien hab ich schon alles durch,Psycho- wie Sprechtherapien.
Nichts hat was gebracht.
Bei der Sprechtherapie sinds jetzt knapp 7 Jahre,in der Zeit warens ca. 7 verschiedene Logopäden,teils mit verschiedenen Ansätzen.War alles für die Katz.

Bei den Intensivtherapien wurde ich abgelehnt,Prüß will ich gar nicht erst erwähnen,bei der Delphin-Therapie war das Stottern nicht stark genug und aufgrund meiner Dysphonie,kann ich den weichen Stimmeinsatz eh nicht konsequent und richtig üben wies es da der Fall zu sein scheint,da die Stimme dann bricht usw.

CT,EEG,MRT,alles gemacht.Nun gibt es nichts mehr.:-(Die Kasseler-Therapie kommt für mich nicht infrage,m.E. ist da der Erfolg viel zu gering,das kann man schon sehen an dem Erfinder,hat sich selbst damit therapiert und kriegt trotzdem nach Jahrzehnten teils keinen Satz flüssig raus.
„Das Leben ist wie ein Fluss! Mal schnell, mal langsam, mal klar, mal dreckig, mal niedrig, mal hoch, immer in Bewegung und jeden Moment anders!“ Quelle: -asiatische Weisheit-

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Re: Tabuthema rund ums stottern

Beitrag von warsteiner » 15. März 2016 16:14

Petra, ich hoffe, dir morgen auf deine Frage antworten zu können. Z.Z. hat mich die Migräne wieder mal im Schwitzkasten. :grrr:

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Re: Tabuthema rund ums stottern

Beitrag von warsteiner » 16. März 2016 18:38

PetraS hat geschrieben:@Warsteiner: wann hast du denn die genannten Therapien gemacht?
In den frühen 70ern. :shock: Da habe ich mithilfe eines Taktgebers Wörter und ganze Sätze nachgesprochen oder was vorgelesen. Mit heute natürlich nicht mehr zu vergleichen. :roll: Später hatte ich noch ein kleines Intermezzo beim Logopäden, danach kam dann lange nichts mehr. Erst beim Prüß bin ich wieder voll eingestiegen. Zunächst klappte alles wie am Schnürchen. Atmung, Sprache, Psyche, alles war stabil wie niemals zuvor. Doch dann hatte ein Mitpatient Geburtstag. Ich ging auf ihn zu, wollte gratulieren und........Rien ne va plus........nichts ging mehr. Das ganze Vermeidungsverhalten kam erbarmungslos zurück. Jemandem gratulieren viel mir immer schon schwer. Ich komme nicht über das heeeeer.......zlich hinaus. Die ersten 2 Buchstaben haben keine Substanz, keine Power. Ich kann sie noch nicht mal herauspressen, wie ein "P" beispielsweise. Was habe ich getan? Gar nichts, nur ein Glückwunsch rausgestammelt und dem Prüß gegenüber kein Wort verloren. Denn zu der Zeit wurde mir klar, dass die Psyche mir immer ins Handwerk pfuschen wird. So war es auch nach der Therapie. Kaum war ich zurück im Job, verfiel ich wieder in alte Verhaltensmuster und schwieg.

Ein paar Jahre später war ich noch beim TV-Guru Greifenhofer und seit dem lasse ich die Finger von Sprachtherapien. Somit waren 25 Jahre Sprachtherapie Jahre verlorene Jahre, der Schaden aber bereits angerichtet, sodass alle späteren Psychotherapien ins Leere liefen.
PetraS hat geschrieben:
Ich bin - von dir aus betrachtet - leider eine von den Leuten, die sich irgendwann gesagt haben: "Scheiß die Wand an, und wenn ich stottere, geht davon die Welt nicht unter."
Ganz so schlimm sehe ich es nicht. :wink: Mir ging es immer nur darum, auf starke Storrerer/innen zu treffen, die sich für andere downgraden, sich in andere Stotterer hineinversetzen können. Und das kannst du, wie auch alle, die mir bisher gepostet haben. 8)
PetraS hat geschrieben: Für einen Rat aus der Sicht eines Menschen, der vielleicht ähnlich tickt, wäre ich sehr dankbar.
Ich ticke in der Tat ähnlich. Ich war mal für 2 Jahre beruflich in Düsseldorf und habe mich in der Zeit der SHG angeschlossen. Du kannst dir bestimmt die fragenden Gesichter vorstellen, weil ich nahezu Fehlerfrei sprechen konnte. :shock:

Unter welchen Voraussetzungen ist sie denn in Gruppe gekommen? Hat sie vielleicht zuvor in einer sozial schwierigen Situation gestottert? War dies eine einmalige Sache und sie möchte das nie wieder erleben müssen und meidet deswegen sprachliche Kontakte? So ähnlich war das bei mir. Ich wollte das stottern nie wieder erleben müssen und schwieg nur noch. Bietet ihr in der Gruppe Outdoortraining an und macht sie dann mit? Fühlt sie sich bei euch sicher und geborgen? Falls ja, sehe ich keinen Grund, warum sie als "Normalsprechende" nicht in der Gruppe sein sollte. Aber wie immer sie sich, oder ihr euch entscheidet, ob ein ein Verbleib in der Gruppe hilfreich ist oder nicht, würde ich definitv (zusätzlich) eine Psychtherapie empfehlen. Hätte sich mir schon früher diese Möglichkeit geboten, wäre mein Leben anders verlaufen.

Gruß, warsteiner

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Re: Tabuthema rund ums stottern

Beitrag von PetraS » 16. März 2016 19:30

Hallo Warsteiner,
ich danke dir für deine ehrliche Antwort.
warsteiner hat geschrieben: Ganz so schlimm sehe ich es nicht. :wink: Mir ging es immer nur darum, auf starke Storrerer/innen zu treffen, die sich für andere downgraden, sich in andere Stotterer hineinversetzen können. Und das kannst du, wie auch alle, die mir bisher gepostet haben. 8)
Also ich glaube, unsere SHG in Köln ist von Grund auf in Ordnung und holt jeden da ab, wo er steht und unterstützt ihn/sie. Darum bin ich da auch hängen geblieben, weil wir alle sehr viel voneinander lernen können. Leider habe ich mich selbst erst vor ca. einem Jahr dort hingetraut, weil ich immer glaubte, mit dem bisschen Stottern, das ich habe, würde man mich nach Hause jagen und sagen, ich gehöre da nicht hin. Und das, obwohl sich manchmal meine Gedankenwelt nur ums Stottern dreht, weil ich es offenbar viel zu lange einfach verdrängt und mit meinem beruflichen Erfolg nicht für kompatibel gehalten habe.
warsteiner hat geschrieben:
PetraS hat geschrieben: Für einen Rat aus der Sicht eines Menschen, der vielleicht ähnlich tickt, wäre ich sehr dankbar.
Ich ticke in der Tat ähnlich. Ich war mal für 2 Jahre beruflich in Düsseldorf und habe mich in der Zeit der SHG angeschlossen. Du kannst dir bestimmt die fragenden Gesichter vorstellen, weil ich nahezu Fehlerfrei sprechen konnte. :shock:
Nein, das genaue Gegenteil ist der Fall. Es sind mehrere unter den Leuten unserer SHG, die fast keine hörbare Symptomatik haben, und die ausnahmslos jeden ernst nehmen. Denn alle wissen, dass es nicht vom Grad der Symptomatik abhängt, wie sehr einen das Stottern in der Hand haben kann. Und dabei, sich nicht runterziehen zu lassen, sind dann alle behilflich. Und wenn es nur ein ermunterndes "du schaffst das schon" oder eine gemeinsame Freude über ein gelungenes Vorstellungsgespräch eines der Teilnehmer ist.
warsteiner hat geschrieben: Unter welchen Voraussetzungen ist sie denn in Gruppe gekommen? Hat sie vielleicht zuvor in einer sozial schwierigen Situation gestottert? War dies eine einmalige Sache und sie möchte das nie wieder erleben müssen und meidet deswegen sprachliche Kontakte?
Leider weiß ich es nicht, weil sie vor mir da war und nur sporadisch kommt.
warsteiner hat geschrieben:Fühlt sie sich bei euch sicher und geborgen? Falls ja, sehe ich keinen Grund, warum sie als "Normalsprechende" nicht in der Gruppe sein sollte.
Keine Ahnung, wie geborgen sie sich fühlt, dafür kommt sie leider zu selten, aber zumindest können wir alle nachvollziehen, was sie meint.
Ich glaube, wir sind die einzigen, die daraus kein Problem machen, dass sie "normal" spricht, weil das viele von uns tun, und doch weiß jeder von uns gegenseitig, dass der andere stottert und was mit der vagen Möglichkeit verbunden sein kann, dass es doch mal total blockiert.
Ich weiß aus einem längeren Gespräch während einer Feier nur, dass sie ob ihres Stottern Depressionen bekommen hat und nun einen Beruf erlernen möchte, in dem sie gar nicht sprechen muss. Ich finde, das sind düstere Aussichten für so einen jungen Menschen, denn sie kann so eloquent sprechen.

Vielleicht erkenne ich zu sehr mich in ihr wieder, denn für mich war es früher auch unerträglich, sehenden Auges an irgend einem Laut hängen zu bleiben und ums Verrecken nicht weitersprechen zu können. Für mich hat sich aber alles gewandelt, als mir ein anderer Stotterer vorgelebt hat, wie man einfach drauf los stottern und trotzdem beliebt sein kann, und das hat mein Weltbild um 180 Grad umgekehrt. Also habe ich fortan auch zumindest die Möglichkeit in Erwägung gezogen, das Stottern zu thematisieren und es auch eine Zeitlang gemacht - mit eben der Folge, dass allein diese innere Entspannung dazu geführt hat, dass diese fiesen Blöcke nicht mehr vorkamen. Einfach weg! Bzw. ganz so einfach nicht, sie kamen noch mal vor, ich hatte dann nur Antworten! Ich konnte den Leuten ins Gesicht sehen und sagen: "Das kommt von meinem Stottern." Und damit war meiner sprachlich beruflichen Laufbahn der Weg geebnet.

Ich leide vielleicht zu sehr an einem für viele Frauen typischen Helfersyndrom. Aber dieses Mädel lässt mir keine Ruhe, ich möchte ihr einfach vorleben, dass man auch glücklich sein kann mit Stottern, und dass man zum Beispiel auch Kundenkontakt (denn das hatte sie in ihrem bisherigen Beruf) haben kann, wenn man stottert und sogar am einfachsten, wenn man nebenbei die Bemerkung macht, "übrigens wundern Sie sich nicht, wenn ich ab und an stottere" (oder so ähnlich). Und dass sie das alles nicht abwertet und sie trotzdem ein ganz toller Mensch ist.

Für dich und deine Biographie tut es mir leid, dass das alles so gekommen ist. Siebziger Jahre klingt danach, dass du vielleicht noch älter bist als ich. Aber es dürfte derselbe Zeitgeist sein, unter dem du groß geworden bist, und das waren schon blöde Zeiten. Hochgradige Tabuisierung des Themas Stottern, sodass man glauben musste, man hätte etwas, das schlimmer ist als die Pest, Klugscheißer (wie bei mir ein Lehrer), die einem das Stottern "abgewöhnen" wollen.
Lass dich nicht unterkriegen, denn wenn du einfach nur Zuspruch brauchst, bist du hier im Forum gold-richtig.
Gruß
Petra

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Re: Tabuthema rund ums stottern

Beitrag von Roland Pauli » 16. März 2016 21:36

warsteiner hat geschrieben: ... Zunächst klappte alles wie am Schnürchen. Atmung, Sprache, Psyche, alles war stabil wie niemals zuvor. Doch dann hatte ein Mitpatient Geburtstag. Ich ging auf ihn zu, wollte gratulieren und........Rien ne va plus........nichts ging mehr. Das ganze Vermeidungsverhalten kam erbarmungslos zurück. Jemandem gratulieren viel mir immer schon schwer. Ich komme nicht über das heeeeer.......zlich hinaus. Die ersten 2 Buchstaben haben keine Substanz, keine Power. Ich kann sie noch nicht mal herauspressen, wie ein "P" beispielsweise. Was habe ich getan? Gar nichts, nur ein Glückwunsch rausgestammelt und dem Prüß gegenüber kein Wort verloren. Denn zu der Zeit wurde mir klar, dass die Psyche mir immer ins Handwerk pfuschen wird. So war es auch nach der Therapie. Kaum war ich zurück im Job, verfiel ich wieder in alte Verhaltensmuster und schwieg.
Hallo Warsteiner,

jemandem zu gratulieren und noch etwas Nettes zum Geburtstagskind zu sagen war für mich früher auch immer ein Desaster. Auch Telefonieren war der Horror. Was hatte ich da für blöde Reaktionen ertragen müssen.
Lange harte Blocks bis zu 30 sec., peinliche Hitzewallungen und Scham - ich vermied diese Situationen so oft ich konnte.

Auch als ich mit meinem Sprechen durch viel Training sehr zufrieden war, kamen noch regelmäßig Einbrüche bei solchen und anderen Gelegenheiten. Weihnachten und Familienfeiern waren für mich Feste der totalen Anspannung.

Meine Vorgehensweise war für mich diese misslungenen Sprechereignisse nachzubereiten, d.h. ich habe die gestotterten Passagen mehrfach für mich alleine nachgesprochen und mir vorgenommen, beim nächsten Mal in der gleichen ruhigen Art und Weise zu sprechen wie in dieser Nachbereitung. Ich machte da auch eine Nachbewertung der aufgetretenen negativen Emotionen und stellte fest, dass die Angst vor den Stotterereignissen nüchtern betrachtet übermäßig groß waren. Auch etwas an einer Theke zu ordern oder im Lokal etwas zu bestellen, waren auch solche Situationen. Diese bekam ich erst durch monatelanges Nachbereiten in den Griff.

Aber auch jetzt, nach vielen Jahren, kommen solche singulären Ereignisse noch vereinzelt vor, doch sie machen mich nicht mehr fertig. Singuläre Ereignisse sind für mich Momente, in denen mehrere Stressfaktoren zusammenwirken und ich sie nicht rechtzeitig wahrnehmen kann, um in einen bewussten ruhigen Sprechmodus umzuschalten. Stotterereignisse ziehen mich nicht mehr runter und lassen mich nicht mehr wie früher als Versager dastehen, sondern ich kann es inzwischen gelassen annehmen. Ich mache mir bewusst, dass ich mit meinem sonstiges Sprechen sehr zufrieden sein kann.

Ich hatte gelernt, dass ich mich den Situationen stellen muss, und dass ich immer noch eine Nachbereitung machen kann, die mich letztlich weiter bringt. Ich lernte, mir mein Stottern zu verzeihen und mich nicht mehr darüber aufzuregen und hoffe für dich, dass auch du einen Weg findest, deine Ängste nach und nach zu entmachten.

Herzliche Grüße
Roland

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Re: Tabuthema rund ums stottern

Beitrag von warsteiner » 17. März 2016 11:38

Danke euch beiden für die umfangreichen Antworten. Damit habt ihr mich Brainmäßig an die Grenzen gebracht. :shock: :wink: Ich spüre wieder, wie der Blockierer, der "ja aber Sager" in mir die Oberhand gewinnt und ich es nicht schaffe, dem ganzen ein Gesicht zu geben. Es geht nicht um den Titel Germanys next top stutterer. :mrgreen: Doch es gibt sie nun mal, die Unterschiede und Randgruppen. Ich versuche es mal mit dem Oberbegriff Psyche. In diesem Lager bin ich im Grunde zu Hause. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, welche Agression mir da entgegenschlägt. Ich erinnere mich an eine Psycho-Reha. Einer hat sich entschieden, mich zum Opfer zu machen. Er stänkerte und lästerte auch am Speisetisch, vor allen Mitpatienten. Eines Tages platzte mir der Kragen, stand auf und schrie: "Hör auf damit, ich bin ein Mensch" und verließ mit unterdrückten Tränen den Raum. Warum ist das so, warum habe ich diese Wirkung auf (Nicht) Stotterer? Im Grunde ist es ganz einfach. Was sind die 2 wichtigsten, hm, kann man sagen, Eigenschaften eines Menschen? Die Fortpflanzung und die Kommunikation mit Seinesgleichen. Der Mensch BRAUCHT den Kontakt zu anderen, wie die Luft zum atmen. Ohne ihn gehen die meisten ein. Schweigen, das hassen sie wie nichts anderes auf der Welt.

Bleiben wir mal bei der Reha. Der erste Tag ohne zu reden........okay, der ist neu, muss sich noch finden. 2. Tag ohne reden......hm, was ist mit dem los? Ab dem 3. Tag wird es heikel. Aus der Verwunderung entstehen dann die unterschiedlichsten Reaktionen. Von......och issa schüchtern bis...der kriegt`s Maul nicht auf, ist alles dabei. Das gilt übrigens auch für die letzten 50 Jahre. D.h. mit meinem Verhalten habe ich andere gelenkt und beeinflusst, habe die dunkelsten Seiten in ihnen hervorgerufen. Deren Folgereaktionen förderten dann natürlich meine sozialen Ängste. Mit Sprachtherapien komme ich da nicht wieder raus, mit Psychotherapien auch nicht mehr. Und so entstand vor 4 Jahren die dissoziative Amnesie, die mich meistens nach einer sozialen traumatischen Situation überfallartig heimsucht. Viel passt nicht mehr rein. Irgendwann reicht es.........

Ich lehne mich mal ganz weit aus dem Fenster. Wisst ihr, was DER Unterschied zwischen euch und Menschen wie mir ist? Von Beginn des ersten Stotterblocks hattet ihr immer Menschen, Rückzugsorte, die euch durch schwere Zeiten gebracht haben. Für euch eine Selbstverständlchkeit, so wie für uns, die wir einfach nur den Wasserhahn aufdrehen brauchen, um zu trinken. Wir denken nicht mehr groß drüber nach. Die Kraft, die man aus dem sozialen Umfeld ziehen kann, ist unbezahlbar. Ganz egal, ob unter euch Schüchterne sind, welche, die kaum oder keine Freunde haben, trotzdem gab es immer Jemanden, auf dessen Hilfe ihr bauen konntet. Ich will euch zu liebe nicht ins Detail gehen §dup es reicht schon zu sagen, dass ich das nie hatte. :wink:

In der Sendung 37°, auf einem der ZDF Spartensender, kam vor ein paar Tagen eine Reportage über gesetzliche Betreuer, die Menschen eine Zeitlang begleiten, dessen Leben aus den Fugen geraten ist. Ich weiß zwar nicht, ob ich die Voraussetzungen dafür erfülle, aber in diese Richtung werde ich nach Hilfe suchen.

Gruß und danke für`s lesen

warsteiner

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Re: Tabuthema rund ums stottern

Beitrag von Jaspis » 17. März 2016 15:57

Hallo warsteiner,
Willkommen im Forum!
warsteiner hat geschrieben:Ich lehne mich mal ganz weit aus dem Fenster. Wisst ihr, was DER Unterschied zwischen euch und Menschen wie mir ist? Von Beginn des ersten Stotterblocks hattet ihr immer Menschen, Rückzugsorte, die euch durch schwere Zeiten gebracht haben.
trotzdem gab es immer Jemanden, auf dessen Hilfe ihr bauen konntet.
Das lehnst Du Dich wirklich sehr weit aus dem Fenster! :wink:
Woher willst Du wissen, dass ALLE anderen IMMER Hilfe hatte, NUR Du nicht? Das ist nicht so. Hier - und überall - sind viele Menschen, die sich - wie Du - allein und selbständig durch's Leben schlagen (müssen).
In der Sendung 37°, auf einem der ZDF Spartensender, kam vor ein paar Tagen eine Reportage über gesetzliche Betreuer, die Menschen eine Zeitlang begleiten, dessen Leben aus den Fugen geraten ist. Ich weiß zwar nicht, ob ich die Voraussetzungen dafür erfülle, aber in diese Richtung werde ich nach Hilfe suchen.
Ich kann Dir noch einen anderen Tipp geben, es gibt bei den örtlichen Gesundheitsämtern den Sozialpsychiatrischen Dienst. Der hilft Menschen, die allein nicht klar kommen, in praktischen Dingen und unterstützt beim Suchen nach nötigen Hilfen.

Gruß, Jaspis!

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